Rischmüllers SC-Tagebuch: Nach dem Pokalspiel in Hamburg

Das Fußballspiel (Mein 801. SC-Livespiel)
 

 

Der Sport-Club und sein Tausendsassa Nils Petersen (übrigens tatsächlich fast so erfolgreich wie einst Volker Graul gegen BU)  haben beim 5:0-Sieg vor 4.600 Zuschauern im fast ausverkauften Edmund-Plambeck-Stadion in Norderstedt, 15 km hinter der Nordgrenze der freien Hansestadt Hamburg, überzeugt. Petersens 1:0 in der zweiten Minute stellte die Weichen frühzeitig auf Sieg und als Freiburgs genialer Torjäger (17 Tore in 15 Pflichtspielen für den SCF) in der Nachspielzeit der einseitigen ersten Halbzeit, nach einem Pfostenschuss des starken Maximilian Philipp, der schon das 1:0 für Freiburg fein vorbereitet hatte, zum 2:0 „abstaubte“, war der Drops im Grunde gelutscht.

In der zweiten Hälfte ließ der trotz sommerlicher Temperaturen auffällig lauf- und spielfreudige Sport-Club das Match noch eindeutiger aussehen, hatte etwa 85 Prozent Ballbesitz, schnürte Barmbek-Uhlenhorst geradezu ein und kam durch zwei weitere Petersen-Treffer zum 4:0, bevor Kapitän Julian Schuster zwanzig Minuten vor Schluss einen großzügig vom einschussbereiten Petersen durchgelassenen Ball zum 5:0-Endstand verwertete. Zwar blieb der Zweitligaspitzenreiter, der seiner Favoritenrolle beim wacker kämpfenden Oberligisten mehr als nur gerecht wurde, auch in der Schlussphase massiv tonangebend, fuhr nach drei personellen Wechseln und im Vorgefühl des bereits feststehenden Kantersieges jetzt aber keine ganz großen Krallen mehr aus. Obwohl mit der erklärten Nummer 1 Alexander Schwolow, Innenverteidiger Marc Torrejon, „Terrier“ Amir Abrashi und Offensivspezialist Vincenzo Grifo vier Leistungsträger der ersten beiden erfolgreichen Ligaspiele gar nicht auf dem Rasen standen, hinterließ der SC in Norderstedt einen mehr als ordentlichen Eindruck und hielt die badische Fußballehre nach dem peinlichen Ausscheiden von 1899 Hoffenheim (bei 1860 München) und Karlsruher SC (bei SSV Reutlingen) hoch.

Das Nachspiel
 
Direkt nach dem Appfiff ließ ich den neuen Moderator der baden.fm-Bundesligashow, Robert Wolf, mit dem ich, wie ich finde, im Zusammenspiel Moderator-Reporter schon richtig gut harmoniere, einen sogenannten Aufsager für das Frühprogramm am Montagmorgen aufzeichnen. Das mache ich in der Regel ohne Manuskript und frei sprechend, was der Dynamik solcher Aufnahmen entgegenkommt. Es klappte zum Glück auch gleich beim ersten Mal,  was nicht immer der Fall ist, sodass ich mich noch etwas länger als eine Minute auf  den zusammenfassenden Abschlusstake im Rahmen der Pokalshow konzentrieren konnte. Auch die sprach ich frei, verzichtete auf die in der Bundesligashow übliche Benotung und gab eine allgemeine und zugleich emotionale Einschätzung und Wertung zum Geschehen ab, bevor ich mich bis zum nächsten Samstag von den Hörerinnen und Hörern verabschiedete.

Der neue Clip zum Fansong:

Ich wusste allerdings, dass mein Arbeitstag noch lange nicht zu Ende war… In der Mixedzone vor dem Kabinentrakt, wo sich in Norderstedt, das liegt in der Natur der Sache und ist irgend wie auch Teil des Charmes eines Pokalspieles bei einem Amateurclub viele Fans und Autogrammjäger herumtrieben, „verhaftete“ ich zunächst Kapitän Julian Schuster für ein Interview. Erfreut war ich, dass ich mit Nils Petersen auch den Helden des Spiels vor die Flinte, sprich auf mein iPhone bekam, mit dem ich diese Interviews stets aufzeichne und dann direkt an die Macher der Homepage des SC Freiburg und die baden.fm-Nachrichtenredaktion schicke. Nach zwei launigen Gesprächen mit den Jungs fragte ich einen Ordner, wo die Pressekonferenz sei und saß alsbald in einem kleinen Raum oberhalb der Umkleidekabinen. Nach dem offiziellen Teil begann ich, wie immer, mein Interview mit Trainer Christian Streich. Als der Coach mir die erste Frage beantwortet hatte, meinte ein offenbar besonders selbstbewusster NDR-Reporter, wichtig wichtig mit Ü-Wagen vor der Tür, mich wegdrängeln zu können, um seinerseits ein Interview mit Streich zu führen… Aber nicht mit Rischmüller im 801. Spiel (smile),  freundlich aber bestimmt grätschte ich den öffentlich-rechtlichen Kollegen verbal ab (zu hören und nachzuempfinden auf dem Streich-Interview beim www.scfreiburg.com) und machte einfach weiter. Dann war alles im Kasten und ich trottete zum baden-fm-Hyundai, an dem mich Yoani und die Kinder, nach dem 5:0-Sieg in bester Laune, bereits erwarteten. Dumm nur, dass wir jetzt an die 500 km bis zur Zwischenstation Frankfurt vor uns hatten…

Mit einer Stunde Pause zum Abendessen – Ben zuliebe bei Mc Doof – kamen wir gegen 23 Uhr am Hotel in Frankfurt an. Jetzt gönnte ich mir noch zwei Bier an der Bar und ließ auch ein bisschen Freude über den insgesamt tollen Saisonstart des SC an mich heran. Ab Mitternacht gab es im Familienzimmer des A&O-Hotels Frankfurt Galluswarte aber keinen Mucks mehr zu hören. Familie Rischmüller schlief den Schlaf der Gerechten.
Die letzte Etappe nahmen wir nach dem Frühstück um 9 Uhr, gegen viertel vor zehn am Montagvormittag unter die Räder. In Bad Krozingen hatte ich dann eine Stunde zwischen Ankunft und Dienstbeginn im WZO-Verlag.
Egal ob Vormittag oder Nachmittag – mein erster kreativer Akt in der Redaktion ist jeden Montag das Verfassen der SC-INTEAM-Kolumne die Mittwoch und Donnerstag in den knapp 300.000 Wochenzeitungen des Verlags erscheint. Hier der Wortlaut für diese Woche:

"Dem SC Freiburg ist in Liga und Pokal ein nahezu optimaler Start gelungen. Drei Dinge fallen auf: Die hohe Qualität, die der Sport-Club seinen Fans mit dem neu formierten Team bei der Saisonpremiere gegen Nürnberg präsentierte, ist vielfach bestaunt worden. Dass der SC sich  – wie in München – auch für eine sehr mäßige   Leistung mit einem Sieg belohnt, kann man als glücklich bezeichnen, hat aber auch das Potenzial für eine andere Deutung: Mannschaften, die sogar ihre schwachen Spiele gewinnen, kommen in der Regel sehr weit in einer Saison...
Die dritte Beobachtung stammt aus der Erstrundenbegegnung im DFB-Pokal beim Oberligisten HSV Barmbek-Uhlenhorst: Seit vielen Jahren ist der SC Freiburg in einer Pokalbegegnung gegen einen Amateurclub nicht mehr so diszipliniert und zielstrebig zur Sache gegangen wie beim hoch verdienten 5:0 im Edmund-Plambeck-Stadion zu Norderstedt.  Meistens verhielt sich Freiburg in den vergangenen Jahren in diesen David-gegen-Goliath-Partien wie das viel zitierte Pferd, das nur so hoch springt wie es gerade muss. In Norderstedt war das anders: Lauf- und spielfreudig präsentierte sich der Favorit von der ersten bis zur letzten Minute. Das neue Team von Christian Streich scheint einen guten Charakter zu haben, hungrig zu sein auf Erfolg – keine Frage, da könnte wieder etwas heranwachsen, das die Fans mittelfristig zu kühnsten Träumen hinreißen könnte. Allerdings gilt im Fußball eine solche These bekanntlich zunächst mal immer nur bis zum nächsten Spiel. Am Samstag, zur für die erstligaverwöhnten Freiburger ungewohnten Anstoßzeit um 13 Uhr, steht für den Sport-Club ein echter Härtetest auf dem Programm: Mit dem VfL Bochum kommt der einzige andere Zweitligist ins Schwarzwald-Stadion, der seine beiden ersten Ligaspiele ebenfalls gewonnen- und  sechs Punkte auf dem Konto hat. Im Gleichschritt marschierten  SCF und VfL auch im Pokal: Wie Freiburg nahm auch Bochum die erste Pokalhürde (in Salmrohr) mit einem souveränen 5:0-Sieg. Die Partie am Samstag birgt sportlich so viel Feuer und Brisanz, dass sogar  die unvergessene Fehde zwischen den Trainern Christian Streich und Gerdjan Verbeek (ehemals Nürnberg) in den Hintergrund tritt."
 
Ich glaube, mehr ist da jetzt nicht hinzuzufügen und freue mich auf Samstag.

 

Zugabe

In den Wochenzeitungen ReblandKurier und Wochenblatt schreibt jede Woche eine mehr oder weniger bekannte Persönlichkeit aus Südbaden einen Kommentar zum Weltgeschehen. Im Prinzip haben wir einen Pool aus fünf Kommentatoren, die im Sechs-Wochen-Rhythmus ihre Texte veröffentlichen, sodass immer noch Platz ist, mal einen Gastkommentar einzusetzen oder aus gegebenem Anlass, etwa einem kirchlichen Feiertag, unserem Geistlichen und den Kommentatoren, Herrn Pfarrer und Kreistagsmitglied Gerhard Jost, einmal mehr die Tür für einen passenden Kommentar zu öffnen. Obwohl ich schon knapp neun Jahre als Redaktionsleiter im Verlag tätig bin, habe ich selbst nie diesen Kommentar geschrieben. Diese Woche ist das anders. Grund ist der Start der Bundesliga am Wochenende und ein Thema, das mir auf der Seele liegt.
Mein Kommentar trägt den Titel: Die DFL-Zauberlehrlinge. Hier ist der Text:

"Mit etwas Wehmut betrachten manche Fußballfreunde den bevorstehenden Bundesligastart am kommenden Wochenende. Besonders für die Freunde des SC Freiburg ist es bitter, in diesem Jahr nur für das Vorprogramm des Spektakels Bundesliga gut zu sein. Zur Unzeit, am Mittag um 13 Uhr, ist Anpfiff gegen einen anderen Club, der schon bessere Zeiten gekannt hat. Der VfL Bochum kommt und das Spiel ist beendet, wenn der große  Zirkus auf allen Kanälen losgeht.
Um die Wehmut derer, die am Katzentisch zweite Liga sitzen, soll es in diesem Kommentar aber gar nicht gehen. Eher schon um der Deutschen liebstes Kind, die Bundesliga, im Allgemeinen. Nicht etwa heimlich, still und leise, sondern vor surrenden Fernsehkameras verändert diese mehr und mehr ihre Struktur. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen die sogenannte Werkself von Bayer Leverkusen eine Art Orchidee in der Bundesliga war. Eine im Wesentlichen von einem Industrieunternehmen finanzierte Profitruppe war seiner Zeit exotisch. Inzwischen gibt es immer mehr Vereine, die ihre Stars zum größten Teil nicht mit selbst erwirtschafteten Mitteln bezahlen. In diesem Zusammenhang ist der 30-Millionen-Transfer des heutigen Edelreservisten André Schürrle von Chelsea London im Laufe der vergangenen Saison zum VfL Wolfsburg ein gutes Beispiel. Bundesligavereine als Marketinginstrumente der Industrie oder Steckenpferd von Milliardären; es werden immer mehr: Leverkusen wird vom Globalplayer Bayer gepusht, Wolfsburg von VW, hinter Aufsteiger Ingolstadt steht Audi und in Hoffenheim hält sich ein netter älterer Herr mit Milliarden im Hintergrund einen Bundesligisten, die TSG 1899. New York, Salzburg, Leipzig – Brauseproduzent Red Bull mischt international im Profifußball mit. Nach entsprechenden Millioneninvestitionen in das Leipziger Marketingprojekt, das sich RB – nicht etwa Red Bull, nein, Rasen-Ballsport – nennt und mit dieser Schmunzette  die „Sittenwächter“ des Bundesligaveranstalters  DFL der Lächerlichkeit preisgibt, stößt im nächsten Jahr mutmaßlich ein weiterer Plastikclub auf höchster bundesdeutscher Ebene dazu. Die Fans der Traditionsvereine bestreiken schon jetzt die Duelle ihrer Lieblinge gegen das  Brauseimperium und verhindern durch Proteste Freundschaftsspiele ihrer Clubs gegen die Rasenballsportler. Die Entwicklung stoppen werden sie nicht; übrigens auch nicht die DFL, die sich selbst scheinbar komplett der Kommerzialisierung der Bundesliga verschrieben hat. Der Plan einer weiteren Zersplitterung der Spieltage, mit dem Ziel, höhere TV-Einnahmen zu erzielen, zeugt davon. Wie attraktiv ist die Bundesliga noch, wenn die Fans irgendwann die Nase voll haben und nicht mehr kommen? Wie viele Zuschauer strömen ins Stadion, wenn Hopps Hoffenheim gegen Audi Ingolstadt kickt? Haben die DFL-Bosse Goethes Zaublerlehrling gelesen? „Die ich rief, die Geister,  werd’ ich nun nicht los!“ heißt es darin."

- Frank Rischmüller