Organspendeausweis, © Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Baden-Württemberg: Organspende – ein Geben und Nehmen

Rund 11.000 Menschen warten derzeit in Deutschland auf ein passendes Spenderorgan. Nicht erst seit den Transplantations-Skandalen an großen deutschen Kliniken ist die Spendebereitschaft in Deutschland jedoch spürbar zurückgegangen. Die Berichterstattung über manipulierte Wartelisten habe die bereits vorhandene Verunsicherung in der Bevölkerung eher bloß verstärkt, berichten die Organspendezentralen. Ihrer neuesten Statistik zufolge haben gerade die Menschen in Baden-Württemberg Hemmungen, im Falle eines Hirntods unversehrte Nieren oder ihr Herz oder ihre Leber zu spenden. Im Verhältnis zur hohen Einwohnerzahl liegt der Südwesten dabei sogar auf den bundesweiten Schlussplätzen. Im letzten Halbjahr hat es hier gerade einmal 48 Spenden gegeben.

Baden-Württemberg ist Schlusslicht bei Organspendern

Ärzte und Krankenkassen wie die Barmer GEK oder die TK versuchen mit gezielten Kampagnen auf den Spenderausweis aufmerksam zu machen und das Thema Organtransplantation zu enttabuisieren, Berührungsängste abzubauen. Sie vermuten, dass vor allem mehr Aufklärung auch zu mehr Einsicht führen würde. Einen Durchbruch sollte dabei eine Änderung des Transplantationsgesetzes im November 2012 mit sich bringen. Erstmals durften die Kassen nun ihren Versicherten unaufgefordert die Organspendeausweise mit der Post zuschicken und sie so mit einer Entscheidung konfrontieren.

Aufklärung alleine scheint bisher nicht auszureichen

Tatsächlich hat es seitdem wieder einen kleinen Zuwachs gegeben, allerdings noch längst nicht im erhofften Ausmaß. Im Gespräch mit TV Südbaden weist der Freiburger Medizin-Ethiker Prof. Dr. Giovanni Maio auf einen weiteren Faktor hin, der für viele mögliche Spender eine Hürde darstellt: Der Druck der Gesellschaft. Im Zuge der aufgekommenen öffentlichen Debatte hat sich auch das moralische Bild und die Wertschätzung einer Organspende gewandelt, betont Maio. Während ein entnommenes Herz früher in der Öffentlichkeit eher ein Lebensgeschenk darstellte, herrsche heute inzwischen oftmals eine regelrechte Erwartungshaltung. Das vermeintliche Anrecht eines schwerstkranken Patienten wiege in der öffentlichen Debatte oft mehr als die Überlegungen des Spenders. Viele Menschen fühlen sich so einer wahren Entscheidungsfreiheit beraubt und setzen sich daher überhaupt nicht erst ernsthaft mit dieser auseinander.

Anrecht auf Organe oder lebenswichtiges Geschenk?

Doch warum sticht gerade Baden-Württemberg bei dieser Entwicklung so stark hervor? Wir treffen uns dazu heute mit Prof. Maios Kollegen Dr. Joachim Boldt. Der Freiburger Forscher saß bereits als Sachverständiger im Ehtikbeirat des Deutschen Bundestags und in der Eidgenössischen Ethikkommission in der Schweiz. Neben Fragen zur künstlichen Biologie oder auch Kybernetik und Bionik liegen seine Schwerpunkte dabei auch auf der Beratung von Krankenhäusern, so auch bei der Freiburger Uniklinik. Boldt ergänzt in unserem Gespräch, dass ein großer Mangel auch in der Art liege, wie die Aufklärung in Sachen Organspende erfolge.

Medizin-Ethiker: „Umfeld muss stärker in den Fokus genommen werden“

Da ein einzelner Mensch immer in soziale Strukturen und komplexe System eingebunden ist, müssten Ärzte, Organisationen und Krankenkassen auch das Umfeld eines potentiellen Organspenders viel stärker in den Fokus nehmen. Oftmals erhalten die Angehörigen eines hirntoten möglichen Spenders zwar schon detaillierte Beschreibungen über den genauen Ablauf einer Transplantation. Mit den damit verbundenen moralischen Fragen und der Abwägung werden sie aber so gut wie allein gelassen.

Landesspezifische Faktoren spielen mit ein

Wie aber auch landesspezifische Faktoren, wie soziale Millieus, der insgesamt hohe Wohlstand in Baden-Württemberg oder christliche Werte in die Debatte um Organspende und ihre Hürden mit einfließen, sehen Sie in diesem Bericht.

Falls Sie mehr Informationen benötigen oder Fragen zum Thema Organspende oder Transplantation haben, können Sie sich gerne beim Infotelefon Organspende melden.