Rischmüllers SC-Tagebuch: Vor 1860

baden.fm Sportreporter Frank Rischmüller schreibt an dieser Stelle über seine Gedanken zum Abstieg, dem Spiel gegen 1860, Urlaub ohne Strand, Pool und Animation, sowie über seine 800. Pflichtspiel-Übertragung:

 

Nach der Saison ist vor der Saison und nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Den Abstieg zu verdauen, war nicht leicht. Bei mir hat es einige Wochen gedauert; in der ersten Zeit schlief ich mit den Gedanken an dieses sportliche Unheil abends ein und wachte mit dem Abstieg im Kopf morgens auf.
Irgendwann dürstete es mich dann nach dem Wiederbeginn, nach neuer Aktualität, nach Tagesgeschäft, einfach, um mit der vergangenen Saison und ihrem traurigen Ende abschließen zu können, um andere Gedanken in den Kopf zu kriegen.

Als es dann letzte Woche endlich losging, fehlten mir (noch) die Power und die Lust auf das Fußballtagebuch. Es lag aber auch daran, dass ich Urlaub und damit keinen digitalen Arbeitsplatz zur Verfügung hatte und habe. Natürlich war mein Urlaub mit den Notwendigkeiten im WZO-Verlag einerseits und dem Bundesligaspielplan andererseits abgestimmt… Aber doch nicht mit dem Zweitligaspielplan… So erklärt sich eine gewisse Laxheit im Umgang mit dem Tagebuch, was ich aber schnell bereuen sollte – war doch der Zweitligaauftakt gegen Nürnberg ein echtes Highlight meiner bislang 799 übertragenen SC-Pflichtspiele seit Ende 1993. So entstand der Entschluss, meine alte Gewohnheit jetzt wieder aufzunehmen, zumal das 800. Spiel ansteht – ein Meilenstein, wenn man so will – und baden.fm meine Tagebucheinträge zu den SC-Spielen nun auch in seinem neuen „Aufstiegsblog“ unter www.baden.fm veröffentlicht. Hier sitze ich also, trotz Urlaubs und einer leichten Magenverstimmung, im WZO-Verlagshaus am Computer und betätige mich mit einer ganz besonderen Urlaubsaktivität – ganz ohne Strand, Pool oder Animation – SC-Tagebuch schreiben… warum auch nicht!? Schließlich gab es auch schon einige Beschwerden – von meiner Nachbarin bis hin zu Fans aus dem In- und Ausland.
Das Nürnberg-Spiel war eine geile Nummer. In meiner Kolumne „SC INTEAM“, die auch im Urlaub in den knapp 300.000 Wochenzeitungen am Oberrhein erscheint versuchte ich, trotzdem ein Stück Bodenhaftung zu behalten:

 

SC INTEAM

Neben dem spektakulären Spielverlauf und dem höchst erfreulichen Ergebnis, war bei der  gelungenen  Saisonpremiere im fast  ausverkauften Schwarzwald-Stadion noch mehr Bemerkenswertes zu beobachten; etwa dass die Zuschauer den Absteiger SC Freiburg schon vor dem Anpfiff euphorisch feierten, wie einen Aufsteiger. Wehmut ob der bitteren Zweitklassigkeit? Fehlanzeige! Skepsis nach der durchwachsenen Vorbereitung mit nur einem Tor in vier Testspielen gegen andere Proficlubs? Keineswegs! Stattdessen Begeisterung, Vertrauen in die „Macher“ und in das neue Team – kurz: Festtagsstimmung im Stadion. Wie gesagt, noch bevor es überhaupt losging. Die Mannschaft von Christian Streich bedankte sich bei ihren Fans für das demonstrative Vertrauen und die Vorschusslorbeeren mit mitreißendem Powerfußball, Spielfreude ohne Ende  und sechs Toren. Die spannungsfördernde zwischenzeitliche Schwächephase mit drei Gegentreffern kurz vor und kurz nach der Halbzeitpause diente dem Spektakel, verhalf aber vor allem zu der Erkenntnis, dass es auch hätte schief gehen können und dass noch viel Arbeit vor den Jungs liegt. Euphorie wäre nach dem ersten Spieltag fehl am Platze. Dass im ersten Spiel drei Punkte verbucht werden konnten, ist das Wichtigste. Dass die neue Mannschaft und das Freiburger Publikum trotz des Abstiegs von Anfang an eine Einheit sind und dass die vier eingesetzten Neuzugänge – plus Tausendsassa Petersen –  offenbar keine Fehlinvestitionen waren, kommt als Fingerzeig dazu. Die Fragen, die sich nun stellen, lauten: Lassen sich Spielfreude und Wucht aus dem Nürnberg-Spiel Woche um Woche wiederholen? Wie zieht sich die Mannschaft im Ligaalltag, etwa am Samstag bei Abstiegskandidat 1860 München, aus der Affäre? Welche nachhaltigen Verstärkungen für Abwehr und Außenbahn kommen – sei es aus dem eigenen Lazarett oder von anderen Vereinen – kurzfristig noch dazu? Die Antworten werden die nächsten Tage und Wochen bringen. Nach der Saisonpremiere lässt sich konstatieren: So wie  gegen Nürnberg macht der SC Freiburg auch in der zweiten Liga mächtig viel Spaß und bietet erstklassige Unterhaltung. Folgt die Fortsetzung am Samstag um 15.30 Uhr  in der Allianz-Arena?

© SC Freiburg

 

 

© baden.fm

 

Womit wir beim bevorstehenden 2. Spieltag angekommen sind. Auswärts, beim TSV 1860 München. In meiner Vita gibt es eine kleine Geschichte, kurios aber wahr, die ich an dieser Stelle los werden muss:
Im Mai/Juni 1977 spielte Arminia Bielefeld in der Relegation um den Aufstieg in die Bundesliga gegen 1860 München. Nach dem überragenden 4:0 im Hinspiel auf der Bielefelder Alm entschloss sich der 16-jährige Frank, mit dem Fan-Sonderzug nach München zu reisen. Arminia sollte dort 4:0 verlieren und später im Entscheidungsspiel in Frankfurt 2:0 verlieren und den Löwen dadurch den Vortritt beim Aufstieg geben, aber darum geht es in meiner Geschichte nicht.
Irgendwo in Niederbayern hielt unser Sonderzug in einem kleinen Bahnhof an und ich nutzte meine Chance. Ich hatte es noch nie als logisch empfunden, dass es alle möglichen Anfeuerungsrufe für meine Arminia gab, aber keinen einzigen, der die Stadt thematisierte aus der wir kamen. So stellte ich mich, wie viele Hunderte anderer Fans an das Zugfenster, holte tief Luft und begann rhythmisch Bie-le-feld Bie-le-feld zu rufen. Die Jungs an den Fenstern links und rechts von mir fanden es gut und stimmten mit ein und plötzlich klang es aus 1000 Kehlen: Bie-le-feld, Bie-le-feld, Bie-le-feld! Auf der heimischen Alm hatte es diesen Schlachtruf für die Arminia-Elf noch nie gegeben. „Ha-ho-he, Arminia DSC“ war der Standard. Von diesem Tag, diesen zwei Minuten im Bahnhof in Niederbayern  und später im Olympiastadion an war das anders. Der Bie-le-feld-Schlachtruf ist seit Jahrzehnten der bekannteste  und am meisten gebrauchte Schlachtruf, um die Arminia anzufeuern. Wenn ich ein halbes Glas zuviel Wein getrunken habe, erzähle ich in fröhlicher Runde, dass ich der „Erfinder“ des Schlachtrufes sei und werde meistens ausgelacht – ich schwöre aber Stein und Bein, dass es genauso war, wie hier erzählt und dass es den Bie-le-feld-Schlachtruf in den fünf Jahren, in denen  ich bis zum 4. Juni 1977  im Sonderzug nach München auf der Alm  gewesen war, nie gehört hatte.
Wegen dieser  Vorgeschichte erklärt es sich auch, warum ich, als der SC Freiburg 1995, erstmals mit mir als SC-Reporter, gegen Arminia Bielefeld spielte und nach knapp zwei Jahren relativ gefasst das Spiel kommentieren konnte, bis aus der Arminia-Kurve plötzlich ein gewisser Schlachtruf erklang, ich eine Gänsehaut bekam und fast aus dem Konzept gekommen wäre.
Aber Arminia kommt ja erst am 18. September wieder hierher.
Es ging um ein Auswärtsspiel bei 1860 München – morgen früh geht es für mich ab, Richtung Isar-Metropole. Diesmal im Hyundai Diesel von baden.fm und nicht im Sonderzug. Auf dem Rückweg werde ich in Friedrichshafen übernachten – so mein Reiseplan. Man wird ja nicht jünger…

Heute Morgen gab es – wie immer - ein Kollegengespräch mit Julica Goldschmidt im „Neuen Morgen von baden.fm“. Hier das Skript unseres Talks über das bevorstehende Auswärtsspiel des Sport-Clubs:

Julica:
Unser SC Freiburg ist mit 6:3 furios in die neue Zweitligasaison gestartet. Über Chancen und Risiken im Spiel am morgigen Samstag in der Allianz-Arena beim TSV 1860 München sprechen wir jetzt mit baden.fm-Reporter Frank Rischmüller, guten Morgen Frank!

Ich:
Hallo!, Guten Morgen!

Julica:
Wie siehst Du Chancen und Risiken morgen verteilt?

Ich:
Man könnte formulieren: Die Chance ist das Risiko.

Julica:
Ja wie jetzt? Wie meinst Du das?

Ich:
1860 München fehlten vor ein paar Wochen wenige Sekunden am verdienten Abstieg in die Dritte Liga. Personell hat sich bei der Mannschaft nichts Bedeutendes getan. Deshalb trifft der SC auf dieselbe Truppe, die im letzten Jahr mit neun Heimniederlagen die schwächste Heimmannschaft der 2. Liga stellte. Obendrein herrscht Chaos bei den Löwen - gestern schmiss Sportdirektor Poschner das Handtuch. Wenn man das alles sieht und dazu die tolle Leistung des SC gegen Nürnberg, ist der Sport-Club morgen aber sowas von Favorit... Die Chance auf einen Sieg scheint riesengroß.

Julica:
Und wieso ist die Chance das Risiko?

Ich:
Die Spieler des SC Freiburg müssen diese Münchner Problematiken völlig ausblenden und dürfen auf keinen Fall nachlässig sein. In der 2. Liga wird es sehr häufig die Aufgabe sein, ganz unabhängig vom Gegner und dessen Malaisen die eigene Bestleistung auf den Platz zu bringen oder ihr zumindest nahezukommen. Für München heißt das, mit jeder Faser zu versuchen über einen längeren Zeitraum so gut zu spielen, wie in der ersten Halbzeit gegen Nürnberg. Es darf keine Nachlässigkeiten geben, weil der Gegner vielleicht nur eingeschränkte Möglichkeiten hat. Dazu darf es nicht kommen. Unter uns: ich persönlich glaube, dazu wird es auch nicht kommen.

Julica:
Sind personelle Veränderungen zu erwarten?

Ich:
Dazu gibt es keine Veranlassung. Es geht darum, das überdurchschnittliche Niveau der ersten Halbzeit vom Nürnbergspiel zu stabilisieren. Das spricht für dieselbe Startelf. Und wenn es gelingt, dieses Niveau zu stabilisieren, gehen die Jungs durch die zweite Liga, wie ein Messer durch warme Butter. Aber nur WENN!

So, Freunde, jetzt läuft der Countdown für München: Hyundai abholen, Arminia gegen FSV Frankfurt gucken, schlafen und morgen putzmunter über den Bodensee Richtung München düsen. Ich hoffe, die Jungs, die jetzt gerade im Mannschaftsbus sitzen, kriegen das gebacken, das heißt, eine gute Form auf den Platz, ähnlich wie in der ersten Hälfte gegen Nürnberg. Dann wird es ein Freudenfest!

 

MEHR zum Spiel gegen 1860 in unserem Blog: