Ukraine, Fahne, Flagge, Krieg, Frieden, Demo, Demonstration, Protest, © Mohssen Assanimoghaddam - dpa

Freiburg möchte Unterstützung für ukrainische Partnerstadt Lviv ausweiten

Oberbürgermeister Horn und Erster Bürgermeister Kirchbach haben sich vor Ort einen Eindruck von der Lage gemacht

Freiburgs ukrainische Partnerstadt Lviv soll in den kommenden Wochen noch stärker von der Hilfe aus Baden profitieren. Nachdem Oberbürgermeister Martin Horn und Erster Bürgermeister Ulrich von Kirchbach vergangene Woche spontan einer Einladung ihres Rathaus-Chef-Kollegen Andrij Sadovyj gefolgt waren, hat die Freiburger Stadtspitze am Montag (20.06.2022) gleich mehrere zusätzliche Hilfsprojekte für die Menschen in Lviv angekündigt.

Zusätzlich zu den bereits zusammen gekommenen Spenden aus Freiburg im Gesamtwert von fünf Millionen Euro, haben Horn und Kirchbach nach ihrem Besuch in der Partnerstadt fünf konkrete Projekte zugesichert:

Freiburg will Partnerstadt mit weiterem Geld, Waren und Know-How helfen

Als Erstes geht es um die Unterstützung beim Betrieb von drei Containerdörfern für geflüchtete Menschen in Lviv. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine haben bereits mehr als fünf Millionen Menschen auf ihrer Flucht einen Zwischenstopp in der Metropole im Westen des Landes eingelegt, darunter auch etliche Kinder und Jugendliche. Aktuell leben vorübergehend mehr als 250.000 Geflüchtete in der Stadt und müssen mit dem Notwendigsten versorgt werden und ein Dach über dem Kopf finden. In den Containerdörfern sind dabei aktuell rund 900 Flüchtlinge aus dem zerstörten Mariupol untergebracht.

Ein Pilotprojekt könnte dabei auch die Idee von "Tiny Houses" samt angeschlossenem Sozialcenter werden: Die Stadt Lviv richtet momentan ein Grundstück her, auf dem Unterkünfte auch nachhaltiger gebaut werden könnten und auf denen die Menschen mehr Platz hätten - und zwar dank S-Bahn-Anschluss auch nah am Stadtzentrum.

Die Stadt Freiburg ist hier in intensiven Gesprächen mit Bund, Land und der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, um dieses Projekt einerseits mit Know-How, aber auch mit massiven Fördermitteln voranzutreiben. Die Hoffnung von Horn und Kirchbach wäre es, dass am Ende über 500.000 investierte Euro aus Freiburg über Zuschüsse vom Bund eine Summe von fünf Millionen werden könnte.

In Lviv soll ein Reha-Zentrum für Kriegsüberlebende aus der gesamten Ukraine entstehen

Eine weitere Herzensangelegenheit wird aus Freiburger Sicht außerdem das geplante "Unbroken Center" in Lviv werden, das eine Art nationales Reha-Zentrum für Kriegsbetroffene aus der ganzen Ukraine darstellen soll. Unter einem Langzeitbetreuungskonzept soll hier ein Angebot für psychisch und physisch Verwundete geschaffen werden und beispielsweise auch die landesweite Versorgung mit Prothesen koordiniert werden. Unter anderem hatte auch schon Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach seine Unterstützung für das Projekt zugesagt und auch Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze hatte sich vor Ort darüber informiert und prüft gerade weitere Schritte. Aus Freiburg könnte hier neben finanzieller Unterstützung auch tatkräftige Hilfe in Zusammenarbeit mit Freiburger Fachfirmen kommen.

Auch die bestehende Kooperation zwischen der Uniklinik Freiburg und dem Notfallkrankenhaus von Lviv soll noch einmal ausgeweitet werden. Zusammen soll eine Liste für weiteren Bedarf an Medikamenten und medizinischen Geräten vereinbart werden. Um die Zusammenarbeit leichter zu machen, hat die Uni Freiburg darüber hinaus eine offizielle Partnerschaft mit der Universität in Lviv vereinbart. Im Laufe der Woche soll es dazu eine entscheidende Videokonferenz geben.

Und nicht zuletzt möchte Freiburg auch die "Arts Academy" in seiner Partnerstadt unterstützen. An der Hochschule wurden zuletzt viele andere Akademien mitsamt Lehrkräften und Studenten aus Kriegsgebieten wie Charkiw untergebracht. Viele Studierende und Kulturschaffende aus der gesamten Ukraine sind dorthin geflüchtet. Die Stadt Freiburg geht zudem davon aus, dass rund ein Fünftel aller bedeutenden Kulturgüter der Ukraine im früheren Lemberg zu finden sind.

Fliegeralarm schon kurz nach der Ankunft in der Stadt

Sowohl Horn als auch Kirchbach bezeichnen ihren Besuch in Lviv als ein sehr prägendes Erlebnis, das von viel Trauer und Wut über den Krieg auf der einen Seite, aber auch einer enormen Dankbarkeit für die Hilfe und den Zusammenhalt auf der anderen Seite geprägt war. Schon innerhalb der ersten Stunde in der Stadt musste die Freiburger Delegation wegen eines Fliegeralarms einen Schutzkeller aufsuchen - umgebaute Kellerräume eines Museums unter dem Rathaus.

Ihr Besuch hat sie nicht nur in eines der Containerdörfer geführt, sondern auch in das Notfallkrankenhaus, wo die Freiburger unter anderem ein Kind getroffen haben, das bei einem Raketenangriff auf einen Bahnhof schwer verletzt wurde und dessen Mutter und Schwester dabei jeweils ihre Beine verloren haben. Horn berichtet außerdem vom Schicksal eines traumatisierten 17-jährigen Teenagers, der für die Behandlung einer Granatsplitterwunde hunderte Kilometer von seiner Heimat nach Lviv verlegt wurde, während seine Eltern mutmaßlich nach Russland deportiert wurden.

Und auch Trauermärsche und Bestattungen von Kriegsopfern gehören in Lviv inzwischen zum Tagesbild, obwohl die Stadt bisher seit dem Kriegsausbruch noch weitgehend von größeren russischen Militärmanövern verschont geblieben ist. 

Freiburg kündigt zusätzliche Spendenkampagne an

Gespendete Notstromaggregate aus Freiburg haben dazu beigetragen, dass der Klinikbetrieb in Lviv auch während der bisherigen Raketenangriffe aufrecht erhalten werden konnte - das Gleiche gilt für die Trinkwasserversorgung.

Insgesamt haben sich bereits sieben Hilfskonvois in den letzten Wochen von Freiburg aus ihren Weg nach Lemberg gebahnt. Die Stadt hat dafür beim Energieversorger badenova ein eigenes Logistikzentrum eingerichtet und konnte sowohl ukrainische Lastwagen als auch ukrainische Fahrer für die Fahrten gewinnen. Das macht die Lieferung der dringend benötigten Hilfsgüter um einiges Leichter, da sie nicht erst in den Verteilzentren an der polnischen Grenze umgeladen werden müssen, sondern direkt am Stück bis in die Partnerstadt und wieder zurück fahren können.

Zur Unterstützung für Lviv und mit Blick auf einen weiteren Spendenaufruf sagte Freiburgs Oberbürgermeister Horn:

Genau in diesem Moment unserer Partnerschaft müssen wir noch enger zusammenstehen. Wir dürfen und an diesen Krieg niemals gewöhnen und dürfen unsere FreundInnen in der Ukraine nicht vergessen.

Umgekehrt leben aktuell rund 2.300 Flüchtlinge aus der Ukraine in den städtischen Unterkünften in Freiburg. Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass es bis zum Jahresende rund 2.500 werden könnten. Momentan kommen jeden Tag rund 30 Neuankömmlinge im Breisgau an, fast genauso viele ziehen von dort aus in andere Unterkünfte weiter.

(fw)