Wolfsrudel, Wölfe, Wolf, Tierpark, Tiergehege, © Pixabay (Symbolbild)

Was Sie über die Rückkehr des Wolfs in den Schwarzwald wissen sollten

An den meisten Schauergeschichten um Wölfe ist nur wenig dran, trotzdem sind viele Viehhalter alarmiert

Die meisten Südbadner kennen den Wolf heutzutage nur noch aus Märchengeschichten oder aus dem Tierpark. Fast 150 Jahre lang galt das Tier in Deutschland als so gut wie ausgestorben und vom Menschen verfolgt und vertrieben. Doch nun mehren sich die Signale, dass die Wölfe auch dauerhaft wieder in unseren Breitengraden heimisch werden könnten - und das vor allem auch im Schwarzwald.

Bis jetzt haben sich nachweislich vier Wölfe in ganz Baden-Württemberg niedergelassen, zwei davon seit 2017 und 2019 bei uns im Schwarzwald und einer seit diesem Jahr im Odenwald-Gebiet. Jüngste Berichte über die Risse von Weidetieren und zuletzt auch eine Video-Sichtung am Feldberg deuten darauf hin, dass darüber hinaus weitere Einzel-Exemplare auf der Durchreise sein könnten oder ebenfalls dabei sind, hier ein neues Zuhause zu finden. Ganz frisch ist dabei der Nachweis eines neuen Wolfsrüden, dessen DNA-Spuren am Montag (31.05.2021) bei Hinterzarten nachgewiesen wurden.

Insgesamt konnten die Freiburger Wissenschaftler der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg im Südwesten seit 2015 die Spuren von zwölf unterschiedlichen Wölfen nachweisen. Die meisten Anhaltspunkte stammen dabei aus den dünner besiedelten Gebieten des Nordschwarzwalds. In Südbaden gab es aber unter anderem auch schon rund um den Schluchsee, St. Blasien, Merzhausen, Waldshut und jetzt eben auch aus Hinterzarten gesicherte Indizien.

Der Mythos vom bösen Wolf stammt aus der Märchenwelt - Respekt ist trotzdem angesagt

Auch wenn der Wolf als Raubtier grundsätzlich die Möglichkeit besitzt, einen Menschen schwer zu verletzen oder sogar zu töten, geht die Gefahr, tatsächlich von einem Wolf im Wald angegriffen zu werden, gegen Null. Egal ob einzelne Tiere oder ein Rudel: Wölfe meiden den Menschen. Sollte es trotzdem zu einer extrem seltenen Begegnung kommen, wird das Tier in aller Regel versuchen, die Situation zu überschauen und anschließend wegzulaufen.

Solange man dann nicht hinterherläuft, den Wolf in eine Ecke drängt oder versucht ihn zu füttern, droht kein aggressives Verhalten, sagt auch der Naturschutzbund NABU. Der Mythos vom menschenfressenden, bösen Wolf entspringe der überstilisierten Welt der Märchen und nicht der Realität. Um trotzdem auf der sicheren Seite zu sein, hat das Umweltministerium in Baden-Württemberg konkrete Verhaltenshinweise ins Netz gestellt, die bei einem Zusammentreffen von Mensch und Wolf wichtig sein könnten.

Dass Wolf und Mensch einst sogar gut miteinander auskamen, zeigt das Verhältnis zu unseren heutigen Haustieren. Hätten unsere Vorfahren vor über 40.000 Jahren über die Ähnlichkeiten beider Spezies keine Beziehungen zu den Wölfen aufgebaut, gäbe es heute keine domestizierten Hunde.

Gerade bei denen ist es nun aber besonders wichtig, nur mit Leine im Wald Gassi zu gehen. Denn freilaufende Hunde sind im Wald nicht nur eine Gefahr für Wildtiere, sondern könnten vom Wolf auch schnell als unerwünschter Eindringling in sein Revier angesehen werden. Wölfe haben ein ausgeprägtes Territorialverhalten und beanspruchen in der Regel eine Fläche von bis zu 200 Quadratkilometern für sich oder ihr Rudel. Um ein Aufeinandertreffen zu verhindern ist für Haushunde daher die Nähe zum Menschen der beste Schutz.

Umweltministerin spricht sich für das Töten von "Problemwölfen" als letztes Mittel aus

Doch was soll passieren, wenn ein Wolf als wildes Raubtier heute trotzdem seine natürliche Scheu vor dem Menschen überwindet und zur möglichen Bedrohung für seine Haus- und Nutztiere auf den Weiden und Höfen wird? Baden-Württembergs neue Umweltministerin Thekla Walker (GRÜNE) hat da am Wochenende (30.05.2021) gegenüber der Deutschen Presse-Agentur klar Stellung bezogen.

Sie betont zwar, dass der Wolf eine streng geschützte Art ist und sich als solche nun wieder in unseren Breitengraden ansiedelt. Aber wenn ein Wolf zu nahe kommt oder ein problematisches Verhalten an den Tag legt, müsse man ihn im Zweifelsfall aus der Wildpopulation entnehmen. Walker hält in diesem Fall also einen Abschuss des Raubtiers als letztes Mittel für angemessen.

Die Sorgen vieler Schäfer, Geflügelhalter und anderer Landwirte kann sie bei der Rückkehr des Wolfs in den Südwesten nachvollziehen. Die grün-schwarze Landesregierung habe nach ihrer Überzeugung von Anfang an klar gemacht, dass ihr die Existenz und die Zukunft der Weidetierhalter enorm wichtig sind. An den Wolf müsse man sich vor diesem Hintergrund erst gewöhnen und außerdem informieren, schützen, wo es notwendig ist und die Entwicklung sehr sorgsam beobachten.

Trotzdem sollten die Menschen im Land vor dem Wolf höchstens Respekt haben, aber keine Angst, findet die Ministerin. Mit den drei nachgewiesenen Einzeltieren im Südwesten lebt noch nicht einmal ein komplettes Rudel hier. Und in vielen der Fälle, in denen bisher gerissene Wildtiere oder Schafe aufgetaucht sind, war am Ende ein Hund dafür verantwortlich und kein Wolf.

Dort, wo die Maßnahmen zum Herdenschutz konsequent umgesetzt wurden, gab es nach Angaben des Umweltministeriums bislang keinen einzigen Fall, in dem ein Wolf ein Nutztier töten konnte.

Schutz der Viehherden entscheidet mit über das Verhalten der Wölfe

Umweltschützer des WWF warnen außerdem vor einem vorschnellen Abstempeln eines Tiers als "Problemwolf": Selbst wenn er Schafe auf einer ungeschützten Weide gerissen hat, sei das kein auffälliges Verhalten, sondern vollkommen natürlich. Der Wolf jagt nach dem Prinzip des geringsten Widerstandes meist die Beute, bei der er am wenigsten Kraft und Energie aufwenden muss.

Unnatürlich (und somit auch zum Problem) wird das aus biologischer Sicht erst dann, wenn sich der Wolf immer wieder in die Nähe des Menschen begibt, um dort an sein Futter zu kommen, obwohl es in den Wäldern genügend andere Wildtiere zum Fressen gäbe. Umso wichtiger sei daher eine Unterstützung für die Landwirte, damit sie ihr Vieh angemessen schützen können.

Im Schwarzwald hat das Land ein rund 8.800 Quadratkilometer großes "Fördergebiet Wolfsprävention" ausgerufen. Es deckt große Teile aller südbadischen Landkreise und des Schwarzwald-Baar-Raums ab. Das Gebiet legt fest, in welchen Städten und Gemeinden Nutztierhalter Anspruch auf finanzielle Unterstützung haben, wenn sie ihre Weiden und Offenställe mit elektrischen Schutzzäunen und anderen Maßnahmen gegen den Wolf absichern wollen.

Um Viehherden von einem möglichen Wolfsangriff zu schützen, zahlt die Landesregierung den Antragsstellern in diesem Fördergebiet unter anderem das komplette Zaunmaterial und einen Teil der Arbeitskosten. Für einen zertifizierten Herdenschutzhund übernimmt der Staat außerdem 1.920 Euro pro Jahr.

Sollte ein Halter alle Schutzmaßnahmen beachten und trotzdem eines seiner Tiere einem Wolf zum Opfer fallen, gibt es als Erstattung eine Ausgleichszahlung für die getöteten Nutztiere oder einen Zuschuss für Tierarztkosten und Medikamente.

Voraussetzung dafür ist aber, dass der Grundschutz vor einem Wolfsriss auch ordnungsgemäß um die Weide herum installiert war.  Teilweise haben dann auch Landwirte außerhalb des ausgewiesenen Fördergebiets Anspruch auf solche Gelder. Die genauen Regeln kann man online beim Umweltministerium nachlesen.

Häufiges Umziehen mit den Schafen sorgt in der Praxis gerade bei kleinen Viehhaltern für Probleme

Bei vielen Viehhaltern ist die Verunsicherung trotzdem groß. Beim überwiegenden Teil von ihnen handelt es sich in der Region um kleinere Schafbauern mit maximal 20 bis 40 Tieren. Gerade die müssen aber besonders häufig umziehen, weil sie in aller Regel keine festen, großen Weiden zur Verfügung haben, erklärt Hobby-Schäfer Mario Wieczorek aus Kirchzarten.

Speziell in den Bergregionen des Schwarzwalds sei der Aufwand da ziemlich groß, jedes Mal einen extra hohen Schutzzaun aufzustellen und ihn auch mit Strom versorgen zu müssen - selbst wenn die Gelder dafür bereitstehen. Wie viele seiner Kollegen sieht auch Wieczorek die Rückkehr des Wolfs problematisch, weil es auch hier kaum noch Rückzugsorte gibt, in denen sich Mensch und Wolf komplett aus dem Weg gehen können:

Es ist zwar ein schöner Gedanke, aber da geht es doch schon relativ eng zu. Wenn das jetzt in großflächligen Waldgebieten wäre, wo auch der Wolf seine Ruhe hat, wäre alles in Ordnung. Aber bei uns ist es einfach zu eng.

(fw) / dpa